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so fühlt sich vergangenheit an — eine anekdote

dicke flocken fallen auf mein gesicht und ich schliesse das fenster. vor wenigen minuten hat es noch geregnet und ich weiss, dass es auch bestimmt bald wieder zu regnen beginnen wird, während ich mir über das feuchte gesicht streiche.

als ich mich umdrehe um aus dem schlafzimmer zu gehen, fällt mein blick auf die kackbraune fake-lederhülle meiner gitarre. sie lehnt in der ecke am fußende meines bettes. seit jahr und tag. ich habe die gitarre vor fast 3 jahren dort abgestellt und seither nicht mehr angefasst. ich glaube sogar, ich hab immer um sie rundum staubgesaugt und den boden gewischt, ohne sie auch nur einmal zu berühren.

seit ich mit vierzehn die musikhauptschule verlassen hab, habe ich nicht mehr sehr oft gespielt. anfangs hatte ich noch alle stückln drauf – klassische sachen, den einen oder anderen ragtime, ein stück von django reinhard, das eigenwillige zupfen von reinhard may und wirklich sehr sehr viele verschiedene basslines, denn ich hatte in der letzten klasse angefangen, e-bass zu spielen und das auch sehr gerne und wie ich meine gut (oder zumindest mit hingabe und inbrunst) gemacht. ich habe wirklich gerne gitarre gelernt und gespielt in der schule.

schon bald nach der schule allerdings erniedrigte ich mein ambitioniertes spiel auf lagerfeuerabenden, wo ich den liederberg von vorn bis hinten und von hinten bis vorn zum besten gab. völliges desinteresse am instrument liess nicht lange auf sich warten und ich rührte die gitarre nur mehr auf bitten und betteln meiner mutter alle jahre wieder maximal drei tage vor weihnachten an. ich kann mich sogar noch genau erinnern, was das letzte war, das ich spielte: eine wirklich haarsträubend interpretierte version von „little drummer boy“. wie ich auf die idee gekommen bin, den drummerboy ausgerechnet auf der gitarre zu spielen – vielmehr zackig runterzuklopfen – ist mir bis heute ein rätsel. ich sah meiner mutter an, wie enttäuscht sie war, dass ich es nicht mal unterm weihnachtsbaum schaffte, ein klein wenig hingabe zu heucheln. das tat mir weh. ich war nicht minder enttäuscht von mir und ich beschloss noch mit dem vorwurfsvollen blick meiner mutter im nacken, nicht mehr gitarre zu spielen. nicht für andere und auch nicht für mich. so zog ich, 18jährig, bockig und hormongesteuert den reißverschluß der kackbraunen fake-lederhülle für immer hinter den jahren der unbeschwerten jugendklimperei zu.

jetzt hinterlasse ich spuren auf der staubigen fake-lederhülle. als ich mit festem griff den gitarrenhals packe und das instrument an mich ziehe, rutsche ich ab. eine staubwolke steigt auf. „was machst du da?“ fragt mich eine stimme in meinem kopf. „was zum geier machst du da?!?“ die stimme ist unnachgiebig. mein körper anscheinend auch. denn obwohl sich mein kopf sehr energisch dagegen zu sträuben scheint, ist meine magengrube anderer meinung: da sind plötzlich schmetterlinge. wie kommen die da rein, verdammt noch mal?! was ist das für ein gefühl?!? in meinem kopf machen sich ohnmacht und ein bisschen panik breit. und meine finger ziehen den reißverschluß auf.

es macht ein angenehmes geräusch, als ich die gitarre aus der hülle ziehe. ein über-stahlsaiten-streich-geräusch. ich liebte es. ich habe es vermisst. der eigentümliche geruch meiner gitarre steigt mir augenblicklich in die nase.

ich habe ihn nicht vergessen, über all die jahre hinweg. ich kann mich noch genau daran erinnern, dass dieser schöne und intensive lack-holz geruch immer untrennbar mit meinem gitarrespielen verbunden war. egal, ob ich zu hause geübt habe oder in der stunde vorspielen musste, es war für mich immer irgendwie notwendig, diesen duft zu erhaschen, der sich schnell verflüchtigte, wenn ich die gitarre auspackte. an vorspielabenden oder bei konzerten hatte dieser geruch sogar etwas ermutigendes und tröstendes. du schaffst das schon. du hast das tausend mal geübt und du kannst es auch vor 500 leuten spielen. ich konnte es immer.

ich streiche zaghaft über die saiten. verstimmt, sehr verstimmt sogar. augenblicklich stellt sich schulroutine ein, ich ziehe meine stimmgabel aus der vorderen tasche der gitarrenhülle und beginne flink, das instrument zu stimmen.

c dur. g dur, barreegriffe. die saiten fühlen sich so fremd an unter meinen fingerkuppen. aber nichts quietscht. nicht so, als ob man einen akkord zum ersten mal spielen lernt. sondern so, als ob man weiss, was man da tut. das passt irgendwie nicht zusammen. es fühlt sich fremd an und gleichzeitig vertraut. das überfordert mich kurzfristig. ich fühle mich ohnmächtig und doch geübt. es ist paradox. und doch probiere ich weiter. ich stelle bald fest, dass es wirklich schon sehr lange her ist, seit ich beinahe täglich spielte und meine finger gelenkig waren wie nur was. wie lange es wohl dauert, bis sie das wieder können?

jetzt sitze ich fast zwei stunden später hier und die fingerkuppen tun mir mittlerweile weh. ich halte das gefühl kaum aus, das sich in mir breit gemacht hat, seit ich die gitarre in die hand nahm. eine mischung aus wehmut, nostalgie und der erinnerung an einfachere zeiten macht mir ein höchst eigenartiges gefühl im magen – kein unerträgliches gefühl, aber doch eines, das mich fast zerreißt. lustigerweise mischt auch jene aufgewühlte nervosität mit, die ich immer vor konzerten oder vorspielabenden hatte. das muß wohl der geruch des instruments sein, der sich da erneut so lustvoll in meine nase gebohrt hat.

ich habe keine ahnung, was mich heute dazu bewogen hat, meine gitarre auszupacken. keine ahnung, warum gerade jetzt. das habe ich jedenfalls nicht kommen sehen. aber vielleicht mag man es im nachhinein als eine art vorboten deuten, dass ich vor zirka zwei wochen meine alten grunge- und rock-lieblingscds aus den regalen holte, wo sie nun fast drei jahre standen und verstaubten. ich hab mir jede einzelne angehört und manchmal sogar geweint. zu stromgitarrenmusik. das stelle man sich mal bildlich vor. das hat mich dann doch auch ein wenig überrascht und ich habe mich gefragt, wo diese tiefen und sehr ergreifenden emotionen nun auf einmal herkommen. ich habe keine antwort darauf gefunden.

ich streiche über die saiten und hebe die gitarre an ihrem hals hoch. sanft lege ich sie auf die hülle und stecke sie nicht wieder zurück in der hoffnung, das ich heute etwas wiederentdeckt habe, was mir lange verloren schien. keine ahnung eigentlich, was es ist und warum es weg war, aber jetzt ist es wieder da.

als ob es nie anders gewesen wäre

5 wortspenden: “so fühlt sich vergangenheit an — eine anekdote”

  1. Don meint dazu:

    schön
    ich glaub ich muss auch wieder mal spielen – eigentlich hab ich mir für heute ein „treffen und bier trink“ausgemacht. wird wohl nix – ich hab schon was anderes vor…

  2. dmc meint dazu:

    ich bin zu weihnachten wieder auf den geschmack gekommen.
    papa spielt geige, eva spielt klavier, chrisi spielt marimba und david wird überredet gitarre zu spielen.
    da bin ich doch dann glatt nicht in die kirche mitgegangen und mir zuhause die fingerkuppen „aufgeblasen“ und wund gespielt.
    seit dem spiel ich wieder öffter.
    es ist ja schon ein geiles instrument ;)

  3. dmc meint dazu:

    tja, vor lauter „cool, ich bin nicht der einzige“-gefühl hab ich doch tatsächlich auf ein „hab“ im dritten satz vergessen…

  4. eve meint dazu:

    „bringts ma a gitaaa“ werden wir jetzt wohl öfters hören ;)

  5. elke meint dazu:

    endlich ist der rockenroll wieder im haus!!

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