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meine damen und herren, hier ist sie also:
meine essensfotoausstellung!

es würde mich sehr sehr freuen, wenn du am donnerstag, den 25. juni um 19.00 zeit hättest, bei der eröffnung meiner ersten fotoausstellung im mediensalon (franckviertel) dabei zu sein.

ich werde kochen, das wird bestimmt lustig!
und gschmackig!

jetzt müssmas nur mehr aufhängen, dafür sind eh 2 ganze tage anberaumt, weil bei vierzig 40x40bildern is des garned sooo ohne!

digestiv

Fragt man einen Menschen danach, was er in den letzten Tagen gegessen hat, steht der zumeist vor der Schwierigkeit, genau sagen zu können, was er wann gegessen hat. Schon nach wenigen Stunden greift das Vergessen um sich und wir erinnern uns – wenn überhaupt – oft nur noch an herausragende Geschmackserlebnisse in der jüngeren Vergangenheit. Ja sogar nach einer opulenten Einladung können wir am Ende des Festmahls oft nicht mehr mit Bestimmtheit sagen, was wir heute gegessen haben.

Warum ist das so, wenn doch das Essen neben dem Fortpflanzungstrieb sicherlich das treibende Bedürfnis unseres Überlebens ist?

Überlegt man diese Frage eingehend, dann kommt man zu mehreren Schlüssen:

Einerseits ist das Essen, also die Nahrungsaufnahme, ein sich ständig wiederholender Prozess. Wir müssen täglich mehrmals essen und dadurch lenken wir unsere Aufmerksamkeit möglicher Weise eher auf die Notwendigkeit unserer Bedürfniserfüllung und damit auf den eigentlichen Akt des Essens als darauf, was wir essen. In meiner persönlichen Umgebung stelle ich oft gerade bei heiklen Personen fest, dass sie sich zwar, etwa in einem Restaurant, nicht entscheiden können, was sie essen sollen, sich aber im Nachhinein kaum daran erinnern, was sie tatsächlich gegessen haben. Vielleicht steht beim Essen also tatsächlich nur mehr die Frage der Triebbefriedigung im Vordergrund und weniger die Frage nach der Qualität und Beschaffenheit der Nahrung. Umgelegt auf die Libido würde das bedeuten: Hauptsache gebumst, egal mit wem.
Es scheint also eine Frage des Bewusstseins zu sein. Und das führt zu einer zweiten Überlegung. Wenn in Europa Nahrungsmittel allgegenwärtig sind und tatsächlich jeder zu Essbarem gelangen kann – hier wird in diesem Zusammenhang nicht die Frage nach irgendwelchen Qualitätskriterien gestellt – und vordergründig niemand Hunger zu leiden hat: welchen Stellenwert nimmt das Essen in unserer Gesellschaft dann tatsächlich ein. Ist es möglicherweise von einem vitalen Bedürfnis zu einer lästigen Verpflichtung mutiert, die uns nur Zeit wegnimmt und uns vom Geldverdienen abhält? Wird Essen nur noch dann als solches wahrgenommen, wenn wir uns damit anderen gegenüber inszenieren, ihnen aufkochen oder sie einladen und ihnen unsere vorgebliche Geschmackskompetenz präsentieren, die allerdings nur in Ausnahmesituationen aus dem Fundus geholt wird? Ist es nicht vielmehr so, dass Geschmack, wie alle anderen Kompetenzen, Fähigkeiten und Kenntnisse ständig an der Realität und unter Alltagsbedingungen geschärft, geübt und geschult werden müssen? Verkommt dadurch dieses Essen nicht zu einer stümperhaften Gourmetattitüde, die ihre Basis aus schlecht recherchierten und durch Marketing-Dauerfeuer erstrittenen Beiträgen auf den Genussseiten bunter Gesellschaftsmagazine bezieht? Können die Gäste dieser Einladungen die ihnen dargebotenen Genüsse überhaupt als das wertschätzen, was sie sind oder geht es nur noch um Stilelemente wie teurer, manierierter, exotischer und damit im weitesten Sinn auch pornografischer?
Als dritte Überlegung in diesem Zusammenhang ergibt sich die Frage nach der Wertigkeit unseres Geschmackssinns in einer visuell geprägten Welt. Auf den Verpackungen der Lebensmittel im Supermarkt werden wir geleitet durch ansprechende Abbildungen des Produkts, die uns dann als „Serviervorschläge“ präsentiert werden. In Kebab-Buden, bei Fast-Food-Ständen und in Touristenrestaurants prangen idealisierte Bilder auf Speisekarten oder auf hinterleuchteten Displays, die der Klientel dann als Entscheidungsgrundlagen für ihre Bestellungen dienen sollen. Ein Weg aus der babylonischen Sprachenverwirrung globalisierten Tourismus‘ einerseits, andererseits ikonografischer Ausweg aus einem sensorischen Analfabetismus, der Wissen um den Geschmack von Speisen und Ingredienzien durch bunte Bilder ersetzen muss. Die Frage danach, was man in den letzten Tagen gegessen hat, müsste – überspitzt formuliert – dann eigentlich anhand von Bildern gestellt werden.

Diese Fragen müssen behandelt werden, bevor man sich mit der Arbeit von Gerda Haunschmid auseinandersetzt.

Gerda Haunschmid hat sehr persönliche und sehr gute Gründe, sich bewusst mit Nahrung und ihrer Ernährung auseinander zu setzen. Und Bewusstheit hat auch mit Erinnern zu tun. Erinnern in diesem Zusammenhang bedeutet Vieles. Es geht um die Erinnerung an den spezifischen Geschmack eines Produkts, einer Speise einer Zutat. Es geht um deren haptische Qualitäten, um deren Geruch um den Klang beim Schneiden, beim Anrösten, beim Schälen. Es geht darum, alle sinnlich erfahrbaren Qualitäten festzuhalten, sie sich bewusst zu machen und abzuspeichern und damit in der Erinnerung zu behalten.
Gerda Haunschmid kommt aus einer anderen Welt. Sie ist in der virtuellen Welt des web 2.0 mindestens so präsent wie in der von uns als real wahrgenommenen Welt. In ihren Blogs kann sie auf eine lange Geschichte der Essensfotografie verweisen. Akribisch hat sie die Herstellung der Speisen in ihrer Küche fotografisch dokumentiert. Beinahe im Stil eines Nach-Koch-Buchs.

Dabei tritt sie allerdings nicht in Konkurrenz zur herkömmlichen Lebensmittelfotografie, die idealisiert oder schönt. Ihre Fotografien – im web ohnehin nur im Kleinformat zu betrachten – zeigen die Fakten so, wie sie sind. Die Prozesse, die optische Beschaffenheit, die Veränderung in Form und Struktur, völlig ungeachtet ihres vordergründigen ästhetischen Reizes. Fern liegt ihr dabei auch ein künstlerischer Anspruch und dadurch gewinnen die kleinen Fotoserien an Intimität und an Authentizität.

Für die Präsentation im Mediensalon hat Gerda Haunschmid quadratische Formate gewählt, die auf Kunststoff ausgeplottet werden. Jeweils paarweise hängen zusammenpassende Motive, die ein Vorher und ein Nachher zeigen, übereinander und suggerieren eine Assoziation an Memory-Karten. Und hier schließt sich der Kreis.

Memory – Erinnerung – Speicher. Der BetrachterIn bleibt es überlassen, das Dazwischen zwischen den Motiven zu fantasieren. Und damit Geruch, Geschmack, persönliche Erinnerungen, Emotionen wie Appetit, Grausen oder Abscheu.

Gerüche aus unserer Kindheit berühren uns tief, wenn wir unerwartet wieder auf sie treffen. Das hat damit zu tun, dass der Geruchssinn mit dem Immunsystem verbunden ist und neben dem Tastsinn der erste in der postnatalen Hierarchie der Sinne ist. Ebenso ist bekannt, dass bei einem Versagen der Geruchsnerven, etwa bei einem starken Schnupfen, auch der Geschmackssinn schwer beeinträchtigt ist. Schmecken und Riechen gehören also zusammen. Essen, Kochen und Erinnern gehören daher auch zusammen.

Wenn Gerda Haunschmid also ihre Memory-Cards zum Thema Lebensmittel, Nahrung, Essen und Verdauen zeigt, dann spricht sie damit auch unsere Erinnerung und auf dem Umweg über eine visuelle Ebene auch ganz frühe Erlebnisse in uns an.

25.06.2009, 19:00 Uhr

digestiv

mediensalon.at, wimhölzelstrasse 23, 4020 Linz


Größere Kartenansicht
(Öffis: Bus 25 oder 27, Haltestelle Wimhölzelstraße )

3 wortspenden: “meine damen und herren, hier ist sie also:
meine essensfotoausstellung!”

  1. carla meint dazu:

    mah, das klingt so super.

    ich schaffs leider demnaechst nicht nach linz, aber ich werds der edith ausrichten. :)

  2. gerda meint dazu:

    ich habs mir ja gedacht, dass sich das bei den wienerInnen nicht ausgeht :(
    ja super wenn die edith kommt, weil die herta, die kommt auch!

  3. hegi meint dazu:

    wenn ich noch in linz bin am donnerstag, dann bin ich auf jeden fall dabei! lass ich mir doch net entgehn, meine liebe! :-)

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