|
Arno Geiger
Es geht uns gut
Hanser 2005
Neben vielem anderen, ist dieses Buch auch eine Huldigung des
literarisch noch viel zu wenig ausgeleuchteten und gewürdigten
Vollbads. Kaum ein Kapitel, in dem nicht gebadet wird. Baden 1938,
1962, 1970, 2001, baden alleine, mit Geschwistern, mit Affären.
Der Autor dürfte viel in Wannen recherchiert haben und natürlich
auch ihn diversen Archiven. Denn in den 21 Kapiteln wird nicht
nur eine Familie über 3 Generationen hindurch beschrieben
(1938-2001, aus jedem Jahrzehnt meist ein Kapitel, dann wieder
eine 2001er Episode), sondern wie nebenbei auch die Geschichte
der 2. Republik. Alltag meets Politik, persönliche Probleme
spiegeln die österreichische Befindlichkeit wider. Das Schlechte
an den Guten Zeiten wolle er zeigen, so der Autor und den Zwiespalt
zwischen Denken und Handeln aufzeigen. Große Themen also
und dennoch keine schwere Kost. Das liegt an Geigers Sprachbeherrschung.
Zeigte er sich in den bisherigen Roman noch äußerst
verspielt und verwegen, so schlagen diese Züge nur noch in
der Figur Philipp durch. Sonst erzählt er brav und diszipliniert.
Philipp, ein orientierungsloser Mittdreißiger, räumt
das geerbte Haus und phantasiert vor sich hin. Seine Affäre
Johanna wirft ihn familiäre Unambitioniertheit vor, schickt
ihm Schwarzarbeiter, die für ihn mit Tauben kämpfen
und deren knietiefen Kot wegräumen. Philipp tollt indes in
Gummistiefeln und mit Gasmaske und Schutzbrille ausgestattet im
Garten seiner Hietzinger Villa herum, verschreckt Nachbarn, flirtet
hemmungslos und nimmt die Post samt Botin an. Die im Buch erzählten
Details (seiner Vorfahren) würden den Helden selbst überhaupt
nicht interessieren. Diese sind u. a.: Der Gefechtswahnsinn im
1945er Jahr am Beispiel des 15jährigen Hitler Jungen Peter
und die schnelle Umbesinnung der Bevölkerung. À la:
Jetzt ist man am besten neutral. 1955 geht's dann ums Tüchtigsein
und Nüchternheit ist angesagt. 1970 kommt die Emanzipationsdebatte
auf. "Sie erzieht die Kinder - Peter konsumiert sie."
Dazwischen immer wieder die von Grund auf verdorbene Vater-Tochter-Beziehung.
Jedes Wort ist falsch, kann vom Gegenüber falsch aufgefasst
und zurückgeschmettert werden und ungemein einfühlsam
verfasste Passagen alternder Menschen ("Intime Distanz"
gibt der Autor als Schreibhaltung an). Große gut lesbare
Literatur. Zu kurze Besprechung für ein nicht zu langes Buch.
Warme Empfehlung für kalte Wintertage.
(10/10)
Markus Köhle
|
|